Projekt

ReNatur – das Projekt

Zu Beginn des Industriezeitalters griff der Mensch massiv in die Natur ein.
Riesige Landflächen veränderten sich gravierend – wurden bebaut und geografisch verändert. Im Laufe der Zeit wurden durch wirtschaftliche Veränderungen die meisten der Anlagen nicht mehr gebraucht und sukzessive aufgegeben.
Nicht wenige dieser ehemaligen Grubenanlagen, Halden und Stahlwerke erfahren durch den Strukturwandel eine neue Nutzung. Einige stehen verfallend und rostend im Gelände. Diese Brachen holt sich die Natur nach und nach zurück. Der Umwandlungsprozess, der durch Korrosion, Verfall und wiederbesiedelnde Vegetation Neues entstehen lässt, ist eine hochinteressante Thematik, mit der wir uns in verschiedenen Positionen künstlerisch auseinandersetzen.
Wir – das sind je fünf Künstler aus dem Saarland und aus dem Ruhrgebiet, zwei der klassischen Steinkohlenreviere,
in denen sich auch die Ausstellungsorte befinden:
cubus kunsthalle, Duisburg ・ Künstlerzeche Unser Fritz, Herne ・ Halle Bergwerk Reden, Schiffweiler.

Claudia Schaefer
ReNatur • Kunst im Anthropozän
Hugo Boguslawski • Matthias Brock • Werner Constroffer • Joachim Ickrath • Min Clara Kim • André Mailänder • Jörg Mathias Munz • Roman Redzimski • Lars Reiffers • Elizabeth Weckes

Mit Anthropozän wird seit einiger Zeit unser jüngst angebrochenes Zeitalter definiert. Der durch die Geologie eingeführte Begriff bezieht sich auf eine neue Epoche der Weltgeschichte, der mit den zahlreichen durch Menschen hervorgerufenen Auswirkungen auf das Weltgeschehen notwendig geworden ist. Keine Entwicklung hat unsere Erde so eingehend transformiert, wie die menschliche. Die Renaturierung von Kohlehalden, um die es in diesem ambitionierten Ausstellungsprojekt ReNatur geht, also der Renaturierung von Hinterlassenschaften unserer Industrialisierung, ist dabei nur ein kleines Element in Anbetracht von weiteren naturvernichtenden profit- und genussorientierten Entwicklungen und diverser menschlichen Fortschrittsgedanken. Auswirkungen der jüngsten Menschheitsentwicklung seit der Industrialisierung sind z.B. die Übersäuerung der Ozeane sowie das Artensterben, die Artenwanderung, die Verdrängung natürlicher Vegetation durch landwirtschaftliche Monokulturen, die Industrialisierung der Fleischproduktion, die Kohlendioxidkonzentration, um nur einige zu nennen. Auch die Ausbreitung von Krankheitserregern wird als Beispiel für die Transformation des Planeten durch den Menschen im Anthropozän angeführt. Sie wird gefördert durch zivilisationsbedingte Übertragungswege – eine leichtere Übertragung und auf den Menschen (Zoonose) infolge menschenbedingter Veränderungen von Ökosystemen sowie eine beschleunigte globale Ausbreitung durch Langstreckenflugreisen. Von einer dramatischen Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die aktuelle COVID-19-Pandemie.
Warum beziehe ich mich darauf? Vom kunstwissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, sehen wir durch die über 250 im Hause der cubus kunsthalle veranstalteten Ausstellungen, rückblickend auf über 30 Jahre, dass sich künstlerische Inhalte mehr und mehr wandeln. Die Arbeiten beziehen sich zunehmend auf die Themen Umwelt und Natur, sind fokussierter, stringenter und konzentrierter in ihrer Entwicklung künstlerischer Perspektiven auf die aktuellen Probleme unseres Planeten.
Mittlerweile unterscheidet man bereits zwischen vor- und postindustrieller Kunst, und interessanter Weise ist eine aktuelle Konzentration auf ‚der Natur hingewandte‘ Themen bei vielen Künstlern auf der ganzen Welt festzustellen. Dies mag vermutlich eng mit den zunehmenden Kenntnissen und Auswirkungen über die Zusammenhänge im Anthropozän und dem Bewusstsein der Künstler darüber zusammenhängen.
Dies wirft eine weitere Frage auf: Ist es an der Zeit, die Kunstentwicklung unter dem besonderen Gesichtspunkt des anthropozänen Zeitalters zu untersuchen? Gibt es eine anthropozäne Kunstausrichtung? Gibt es im 21. Jh. eine Annäherung der beiden lange Zeit diametral sich gegenüber stehenden Pole ‚Natur‘ auf der einen und ‚Kultur‘ auf der anderen Seite? Wird die Kultur zunehmend Teil der Natur, oder vielmehr umgekehrt?

Vor diesem Hintergrund sieht die cubus kunsthalle duisburg in dem Ausstellungsprojekt ReNatur eine wichtige Auseinandersetzung generell mit dem Thema und konkret mit der ruhrgebiets- wie saarland-typischen Auseinandersetzung mit Renaturierungsprojekten und künstlerischen Haldengestaltungen.
Zwei Saarländer – der langjährige Galerist und Kurator Werner Redzimski sowie der Maler Jörg Mathias Munz – sind Initiatoren und Ideengeber des ReNatur-Projektes. Ihrem Kontakt zu Jörg Sämann aus dem Saarbrücker Kultusministerium ist es zu verdanken, dass das Konzept der RAG-Stiftung vorgestellt und letztlich verwirklicht werden konnte. Redzimskis und Munz‘ Grundvorstellung einer gleichsam ästhetischen Verknüpfung der Bergbau-Regionen Saarland und Ruhrgebiet spiegelt sich in der Auswahl der Künstler: Fünf Saarländer und fünf Künstler aus NRW beschäftigen sich jeder individuell und in verschiedenen Medien mit dem Thema. Das Spektrum der ausgestellten Werke reicht von Formen der abstrakt-strukturellen Malerei über verschiedene figurative Tendenzen bis hin zu Film und Fotografie.

Wir danken im Namen aller beteiligten Künstler der RAG-Stiftung, dem Ministerium für Bildung und Kultur – Saarland, der Saarland-Sporttoto GmbH, der URSAPHARM – Arzneimittel GmbH, Dr. Theis – Naturwaren, UHLE – Immobilien sowie der ERGO Versicherungen GmbH für die großzügige Unterstützung des gesamten Projekts und der Ausstellung in unserem Hause.

Duisburg, im Januar 2021
Dr. Claudia Schaefer
cubus kunsthalle, duisburg

Thomas Girst
Landschaften aus Industrie und Natur

Was ist denn Kunst? Eben auch ein Refugium. Ein Hort der Schönheit und der Tiefe, der Bedeutung und der Ruhe. Ein Ort der Zuflucht und der Anteilnahme fernab von Alltag und Hektik. Dabei kann sie weder Leben retten noch die Welt ändern, aber sie vermag das Leben lebenswert zu machen und den Blick auf die Welt unserer inneren Landschaften zu richten. Tiefenergründung und Erkenntnisgewinn gehen dabei Hand in Hand. Vorausgesetzt wir trauen uns, beides zuzulassen. Kunst macht Unsichtbares sichtbar, wie Fabio Mauri sagte – Gedanken und Gefühle, Eindrücke und Erfahrungen. Kunst ist dafür Angebot und Aufforderung zugleich. Kann also der Mensch mit seiner allumfassenden Intelligenz in Bezug auf die ihn umgebende Natur, in Bezug auf die globalen Verwüstungen von Ökosystemen, nicht doch noch wertvolles und nachhaltiges erschaffen? Als einzige Lebewesen unseres Erdballs sind wir in der Lage, über Grenzen, Generationen und oft über Jahrtausende hinweg Herrliches hervorzubringen. Liegt eben genau darin nicht auch der Sinn unseres Daseins begründet, im Wissen darum, dass das Schöne ebenso wie die Natur schützenswert und für den Fortbestand unserer Zivilisation auf Erden gleichfalls überlebensnotwendig? In den leisen Tönen, in der Ruhe und in der Stille, in der Konzentration offenbart sich zumeist das Schöne im Menschen, all jenes, das wir eben auch zu vollbringen imstande sind. Erkenntnisgewinn ist ein hohes Gut. Er stellt sich auch im Draußen ein, in unserer Erfahrung mit Landschaft und Natur, in Wanderungen und im Beobachten.

„Auf Raumschiff Erde gibt es keine Passagiere. Wir alle sind Teil der Crew“, so Marshall McLuhan. Im Rahmen des Ausstellungsprojekts ReNatur setzen sich die teilnehmenden Künstler ganz unterschiedlich mit dem Umwandlungsprozess der ehemaligen Grubenanlagen und Halden, die sich die Natur nach und nach zurückerobert und eine neue einzigartige Landschaftssituation entstehen lässt, auseinander. Der massive Eingriff des Menschen in die Natur seit Beginn des Industriezeitalters führte und führt zur Veränderung, Zerstörung und Kontaminierung riesiger Landflächen. Was geschieht mit ihnen, wenn sie wirtschaftlich aufgegeben wurden, so wie im Saarland und im Ruhrgebiet?